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Nicole Fischer - Expertin für Lernen und Familie

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In meinem Blog schreibe ich über die Themen Schule, Lernen und Familie. Sieh dich gern um. Über Kommentare und Anmerkungen freue ich mich!

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2025-03-14

Vom “Ich kann es nicht!” zu “Ich kann es lernen!” - Was ist “Growth Mindset” und wie kannst du es fördern?

Zwei Welten des Denkens

Kennst du den Unterschied zwischen “Ich kann das nicht” und “Ich kann das noch nicht”? In diesen beiden Aussagen steckt ein fundamentaler Unterschied in der Art, wie wir über unsere Fähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten denken. Dieser Unterschied ist der Kern dessen, was die renommierte Psychologin Carol Dweck als “Fixed Mindset” (statisches Denken) und “Growth Mindset” (Wachstumsdenken) bezeichnet hat.

Als Elternteil oder Lehrkraft hast du wahrscheinlich schon bemerkt, wie unterschiedlich Kinder mit Herausforderungen umgehen. Manche geben schnell auf, während andere beharrlich weitermachen. In diesem Artikel erfährst du, wie du als Elternteil oder Lehrkraft ein Wachstumsdenken fördern kannst, das nicht nur schulische Leistungen verbessert, sondern auch eine lebenslange positive Einstellung zum Lernen entwickelt.

Was bedeuten “Fixed Mindset” und “Growth Mindset”?

Fixed Mindset: Die Komfortzone des Statischen

Ein Fixed Mindset ist durch die Überzeugung gekennzeichnet, dass Intelligenz und Fähigkeiten angeboren und unveränderlich sind. Menschen mit diesem Denkmuster:

- Vermeiden Herausforderungen aus Angst vor Fehlern
- Geben schnell auf, wenn etwas schwierig wird
- Sehen Anstrengung als Zeichen mangelnder Begabung
- Ignorieren konstruktives Feedback oder fühlen sich dadurch persönlich angegriffen
- Fühlen sich vom Erfolg anderer bedroht

Beispiel aus der Praxis: Emma, 10 Jahre alt, weigert sich hartnäckig, ihre Matheaufgaben zu machen. “Ich bin einfach nicht gut in Mathe”, erklärt sie ihrer Mutter. “Mein Kopf ist nicht für Zahlen gemacht.” Obwohl Emma in anderen Fächern durchaus erfolgreich ist, hat sie für sich entschieden, dass Mathematik außerhalb ihrer Fähigkeiten liegt.

Growth Mindset: Die Welt der Möglichkeiten

Ein Growth Mindset hingegen basiert auf dem Glauben, dass Intelligenz und Fähigkeiten durch Anstrengung und Übung entwickelt werden können. Menschen mit diesem Denkansatz:

- Suchen Herausforderungen als Wachstumschancen
- Bleiben angesichts von Rückschlägen beharrlich
- Sehen Anstrengung als notwendigen Weg zum Erfolg
- Nutzen Feedback als Lernmöglichkeit
- Lassen sich vom Erfolg anderer inspirieren

Beispiel aus der Praxis: Luca, 9 Jahre alt, kämpft ebenfalls mit Mathematik. Statt aufzugeben, hat er jedoch eine andere Einstellung: “Mathe ist manchmal schwer für mich, aber ich werde jeden Tag ein bisschen besser.” Mit Unterstützung seiner Eltern hat er gelernt, seine Fehler als Teil des Lernprozesses zu sehen und macht trotz anfänglicher Schwierigkeiten stetige Fortschritte.

Warum ist ein Growth Mindset so wichtig?

Die Vorteile eines Wachstumsdenkens reichen weit über den schulischen Erfolg hinaus:

1. Resilienz: Kinder mit Growth Mindset entwickeln eine größere Widerstandsfähigkeit gegenüber Rückschlägen.
2. Lernbereitschaft: Sie entwickeln eine intrinsische Motivation zum Lernen.
3. Selbstwirksamkeit: Sie glauben an ihre Fähigkeit, durch Anstrengung etwas zu bewirken.
4. Kreativität: Sie sind offener für neue Ideen und unkonventionelle Lösungen.
5. Lebenslange Entwicklung: Die Einstellung, dass Wachstum immer möglich ist, fördert kontinuierliches Lernen.

Wie Eltern und Lehrer ein Growth Mindset fördern können

Als Eltern und Lehrer haben wir täglich die Möglichkeit, statische Denkmuster zu durchbrechen und ein Wachstumsdenken zu kultivieren. Hier sind einige zentrale Ansätze:

1. Die Macht der Sprache nutzen

Wie wir mit Kindern über ihre Leistungen sprechen, hat einen enormen Einfluss auf ihre Denkweise.

Statt: “Du bist so intelligent!”
Besser: “Ich bin beeindruckt, wie hart du gearbeitet hast, um das zu verstehen!”

Beispiel aus der Praxis: Bei Mia, 12 Jahre alt, bemerkten ihre Eltern, dass sie bei schwierigen Aufgaben schnell aufgab. Im Elterncoaching riet ich den Eltern, gezielt ihre Anstrengungen zu loben - und nicht das Ergebnis. Etwa: “Wow, da hast du dich aber wirklich angestrengt, um zu der Lösung zu kommen!” Nach einigen Wochen war Mia deutlich ausdauernder bei Herausforderungen.

2. Fehler als Lernchancen umdeuten

Eltern und Lehrer können Kindern helfen, Fehler nicht als Beweis für Unfähigkeit, sondern als wertvolle Feedback-Quelle zu betrachten.

Beispiel aus der Praxis: Bei mir im Coaching und in der Lerntherapie gibt es ein Fehler-Highfive bei besonders “schönen” Fehlern. Wir besprechen anschließend, wie der Fehler uns der Lösung näher bringt. Diese spielerische Herangehensweise hilft den Schülern, ihre Angst vor Fehlern zu überwinden und sie stattdessen als wertvolle Lerngelegenheiten zu betrachten.

3. Das “Noch-nicht” Prinzip einführen

Sowohl zu Hause als auch in der Schule können wir Kindern vermitteln, dass Fähigkeiten entwickelt werden können und dass momentane Schwierigkeiten nur bedeuten, dass sie etwas “noch nicht” können.

Beispiel aus der Praxis: Wenn Sophie sagt: “Ich kann keine Brüche verstehen”, leitet ihre Mutter sie sanft an, den Satz umzuformulieren: “Ich verstehe Brüche noch nicht vollständig, aber ich arbeite daran.” Diese kleine sprachliche Veränderung öffnet die Tür für Wachstum und Entwicklung.

4. Lernstrategien statt Ergebnisse fokussieren

Gute Pädagogik konzentriert sich auf den Prozess und die Strategien, nicht nur auf das Endergebnis.

Beispiel aus der Praxis: Anstatt nur Nicks Testergebnisse zu besprechen, analysieren wir gemeinsam, welche Lernstrategien gut funktioniert haben und welche er verbessern könnte. Diese Herangehensweise vermittelt Nick, dass es nicht nur um die Note geht, sondern darum, wie er lernt und sich dadurch stetig verbessert.

Praktische Tipps für Eltern und Lehrer

Für Eltern:

1. Achte auf deine eigene Denkweise: Kinder übernehmen oft die Mindsets ihrer Eltern. Zeige ihnen, wie du selbst mit Herausforderungen umgehst.

2. Lobe den Prozess, nicht die Person: Statt “Du bist so klug” sage lieber “Ich bin beeindruckt, wie du verschiedene Lösungswege ausprobiert hast.”

3. Erzähle von deinen eigenen Lernprozessen: Teile Geschichten, wie du etwas Neues gelernt hast oder wie du nach einem Rückschlag nicht aufgegeben hast.

4. Schafft eine fehlerfreundliche Familienkultur: Feiert “lehrreiche Fehler” und teilt, was ihr daraus gelernt habt.

Für Lehrer:

1. Unterrichte explizit über das Gehirn: Erkläre, wie Lernen neurobiologisch funktioniert und dass das Gehirn wie ein Muskel “wachsen” kann.

2. Implementiere Reflexionsroutinen: Lass Kinder regelmäßig und gezielt über ihren Lernprozess nachdenken.

3. Nutze formatives Feedback: Gib Rückmeldungen, die den Weg zur Verbesserung aufzeigen und nicht nur das aktuelle Niveau bewerten.

4. Schaffe eine Klassenzimmerkultur des Wachstums: Besprich regelmäßig den Begriff “Growth Mindset”, hänge Poster auf, die Growth-Mindset-Aussagen transportieren und nutze bewusst Sprache, die Wachstumsdenken unterstützt.

Der Weg zu einem Growth Mindset ist ein Prozess

Die Entwicklung eines Growth Mindset ist keine Über-Nacht-Verwandlung, sondern ein fortlaufender Prozess. Als Eltern und Lehrer können wir Kinder auf diesem Weg begleiten, indem wir selbst ein Wachstumsdenken verkörpern und es im Alltag gezielt fördern.

Jedes Kind hat das Potenzial, ein Growth Mindset zu entwickeln. Die Frage ist nicht, ob ein Kind intelligent oder fähig ist, sondern wie wir ihm helfen können, sein volles Potenzial zu entfalten. Mit der richtigen Unterstützung und einem starken Fokus auf Wachstumsdenken können wir Kindern helfen, zu lebenslangen, begeisterten Lernern zu werden.

Wenn du Fragen zu dem Thema hast oder dir bei der Umsetzung Unterstützung wünscht, melde dich gern bei mir!

Admin - 11:35:49 | Kommentar hinzufügen

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